Archiv für den Tag: 26. Dezember 2011

Weihnachtsmesse auf Brasilianisch

Nach all der Strandidylle wollte ich vorgestern doch nicht vergessen, dass Heiligabend war. Also ging ich um neun Uhr abends in die Weihnachtsmesse in der Kirche Matriz Nossa Senhora dos Remédios, die am alten Hauptplatz von Paraty schräg gegenüber von unserem Hotel liegt.

Im Gegensatz zu den reich verzierten mexikanischen und peruanischen Kirchen, die wir besichtigt haben, ist dieses Gebäude hell und schlicht – ein sehr hoher, langer Raum, ganz in Rosa, Gelb, Grau und Weiß, mit dezenten Barockverzierungen, einem Hauptaltar und wenigen Seitenaltären, von denen einer zugunsten einer fast lebensgroßen Krippendarstellung verhängt war. Über dem Hauptaltar sind in vielen Wandnischen große Blumensträuße in Rosa und Weiß aufgestellt, und als Weihnachtsdekoration hingen goldene Sterne an blauen Bändern von der Decke.

Die Messe war gut besucht, wenn auch nicht überfüllt; Menschen aller Altersgruppen (und aller Hautfarben) in leichter Sommerkleidung. Am Eingang bekam jeder, der wollte, eine Kerze und die ausgedruckte Liturgie – vier eng beschriebene A4-Seiten, laut Impressum zentral produziert in São Paulo. Da ich Portugiesisch zwar mündlich kaum verstehe, aber recht gut lesen kann, war ich damit in der Lage, die Lesungen, Lieder und Gebete mitzuverfolgen.

Über zwei Stunden dauerte die Messe. Die erste halbe Stunde fand im Dunkeln statt, nur erleuchtet von den vielen Kerzen der Besucher. Danach wurde das Licht wieder angemacht, und auch die Ventilatoren sprangen an – eine Erleichterung nach der weihrauchgeschwängerten Schwüle am Anfang.

Gleich am Anfang gab es ein mir vertrautes Lied – „Hört der Engel helle Lieder“, natürlich auf Portugiesisch. Zwischendurch ein weiterer europäischer Klassiker, „Herbei, o ihr Gläubigen“. Die übrigen Melodien kannte ich nicht, viele Lieder klangen ähnlich wie Taizé-Gesänge, das „Heilig, heilig“ eher wie ein schmissiges russisches Tanzlied. Alle Gesänge wurden mit Gitarre, teils auch mit Flöte begleitet (eine Orgel habe ich in der Kirche nicht gesehen). Zwei gute Vorsänger mit Mikrofon dominierten den Gesang, die Gemeinde sang mehr oder weniger verhalten mit.

War anfangs nur ein Lektor zu sehen, der die Gemeinde begrüßte und die ersten Lesungen vortrug, füllte sich der Altarraum nach und nach mit vielen weiteren Aktiven, die in insgesamt vier oder fünf Prozessionen durchs Haupttor einzogen: der Hauptpriester, der die Predigt hielt und das Abendmahl vorbereitetet, mehrere weitere Priester und Helfer (darunter auch Frauen), Ministranten und Ministrantinnen und viele Würdenträger in weiß-grün-goldenen Gewändern. Die Prozessionen waren sehr beeindruckend, da alle Beteiligten weiß gekleidet waren, Kerzen, Kreuze und Weihrauchgefäße dabei hatten und die Gemeinde sich jedes Mal erhob und ihnen entgegensah. Eine der Prozessionen bestand nur aus Frauen, eine aus Eltern mit Kindern.

Nachdem die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vorgelesen worden war, kam eine kleine, aber besonders anrührende Prozession: Ein junges Paar in Maria-und-Joseph-Verkleidung trug ein winziges Baby (mit Schnuller) zum Altar und legte es dort in eine Krippe. Das Baby schrie zweimal genau im richtigen Moment (als verschiedene Gesänge endeten) und bekam danach auch Applaus von der ganzen Gemeinde.

Nach dem Abendmahl (generalstabsmäßig organisiert an mehreren Punkten der Kirche ausgeteilt), den Fürbitten und dem Segen lud der Priester die Gemeinde ein, gemeinsam mit ihm aus der Kirche zu ziehen und als große Prozession einmal um den Hauptplatz zu gehen, um die Weihnachtsbotschaft in die Stadt hinauszutragen. Dazu wurden die Kerzen wieder angezündet, und mehrere Hundert Menschen zogen langsamen Schrittes, von Gesang begleitet, im Dunkeln um den Platz. Als wir an unserem Hotel vorbeikamen, setzte ich mich ab und ging wieder in die Lounge. Man konnte die Gesänge und Gebete aber noch etwa eine halbe Stunde lang hören.

Wie ich von unserer Wirtin erfuhr, versucht diese Gemeinde durch viele „jugendliche“ Elemente mehr jüngere Leute für die Kirche zu interessieren (und auch der Beginn dieser Messe – neun Uhr statt Mitternacht – ist ein Entgegenkommen).

Insgesamt ein sehr beeindruckendes Erlebnis und eine schöne Mischung aus vertrauten Elementen und ganz neuen Interpretationen von Weihnachten!

Zum Abschluss für die sprachlich Interessierten hier noch der portugiesische Text von „Stille Nacht“, das zum Abschluss der Messe auf dem Programm stand. Zwar wich die Gemeinde hier von den Vorschlägen aus São Paulo ab und sang als „Rausschmeißer“ eine lokale Version von „Jingle Bells“ … aber ich bleibe beim Klassiker und wünsche euch allen damit eine besinnliche Zeit mit euren Lieben:

Noite feliz! Noite feliz!
Ó Senhor, Deus de amor!
Pobrezinho nasceu em Belém;
eis, na lapa, Jesus, nosso bem:
dorme em paz, ó Jesus!
Dorme em paz, ó Jesus!

Noite feliz! Noite feliz!
Ó Jesus, Deus da luz!
Quão afável é teu coração
que quiseste nascer nosso irmão
e a nós todos salvar!
E a nós todos salvar!

Noite feliz! Noite feliz!
Eis que, no ar, vêm cantar,
aos pastores, os anjos do Céu,
anunciando a chegada de Deus,
de Jesus Salvador!
De Jesus Salvador!